Auf den Spuren Monets in der Bretagne und der Normandie

Das Jahr 2016 stand für mich im Zeichen von Monet. Es sollte mir neue Einblicke und interessante Begegnungen bringen. Ich habe Monets Wirkstätten besucht und die Welt versucht mit seinen Augen zu sehen.

Es hat mich inspiriert durch dieses wunderbare Land zu reisen. Das Licht und die Farben zu erleben. Sie in Skizzen einzufangen, um diese danach in Bilder neu zu beleben. Einige der Bilder sind in meiner Galerie ausgestellt.

Kleine Impressionen dieser wunderbaren Reise sind nun auch hier zu sehen.

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Der späte Hans beim späten Rembrandt- eine Amsterdam-Reise im April 2015

Mein Bruder ist ein Maler. Und ausgerechnet in diesem schönen Frühling nötigten wir ihn, sich dem Herbst des Lebens zu stellen. Ein bisschen spielt dabei eine Rolle, dass Hans-Joachim Stahlberg seinen 60. Geburtstag feierte. Diese Zahl vor dem Komma ist allemal ein guter Anlass, sich über das eigene Gewordensein klar zu werden. Hans führte das nun zu seinen künstlerischen Wurzeln, seiner spontanen Begeisterung für Rembrandt Harmenszoon van Rijn, dessen Spätwerk gerade eine faszinierende Ausstellung im Rijksmuseum Amsterdam auf einmalige Weise vereint. Auf dieser Reise ins frühlingshafte Amsterdam fanden sich erstaunliche Parallelen in den Lebenswegen des großen Holländers und seines Werderschen Fans. Damit nämlich aus meinem Bruder ein Maler werden konnte, musste das Leben auch bei ihm schon mal mit der ganz großen Keule ausholen. Kindheit und Jugend des Hans Stahlberg in Werder an der Havel endeten viel zu früh. Das harte Leben auf See und auf den Landstraßen Europas wurde zu seiner Universität. Und erst, als der finanzielle Ruin ihm einfach keinen anderen Ausweg mehr ließ, begann Hans schließlich ernsthaft darüber nachzudenken, wozu dieses ganze Dasein denn nun wirklich gut sein soll. Der Maler Hans ist in erster Linie auch der späte Hans. Vieles klingt ganz ähnlich, was uns vom späten Rembrandt in Amsterdam erzählt wurde.

Zunächst zog es Hans ins Rembrandthaus und zu dessen berühmter Sammlung von Radierungen. Rembrandt liebte ihre Veränderlichkeit. Das Motiv wird mal aufgehellt, mal abgedunkelt, ergänzt oder komplett verändert. Es ist faszinierend, dabei das Entstehen einer letztlich weltberühmten Fassung miterleben zu können. Eine Version folgt auf die nächste, und ob die letzte gezeigte wirklich die letzte war, weiß eigentlich niemand. Viele Menschen begeistert dieses Veränderliche, alles fließt, eigentlich scheint die Beständigkeit nun die eigentliche Illusion zu sein.

So etwas gemeinsam mit einem Fachmann wie Hans zu betrachten, ist ein ganz eigenes Erlebnis. Obwohl ich dem Rijksmuseum vor dieser Rembrandt-Reise schon mehrfach einen Besuch abgestattet und bei diesen Gelegenheiten das außergewöhnliche Können der alten holländischen Meister bewundert hatte, so ganz aus der Nähe mit den Augen des malenden Bruders gesehen, eröffneten sich doch völlig neue Einsichten. Hans zeigte mir, wie der späte Rembrandt mit dem Problem umgehen lernte, dass der Pinsel (wie heute auch das Kameraobjektiv) an vielen Punkten überfordert ist, wenn unsere Wahrnehmung so geführt werden soll, dass ein Bild für uns ein eigenes Wesen bekommt. Wie bei seinen Radierungen verabschiedete sich der Meister auch bei seinen Gemälden von der Vorstellung, etwas Bleibendes, ewig Wahres und Gewisses in seine Formen und Farben legen zu können.

Seine späten Bilder, die uns heute sehr modern erscheinen, wirken aus der Nähe betrachtet an vielen Stellen wie schnell mal dahingemalt, hingetupft, die Farben wie mit dem Spachtel verteilt, bis sie eine richtige Kruste bilden. Nur wenige Details sind wirklich sorgsam gearbeitet, aber auf diese kommt es eben an, weil sie unseren Blick führen. Für Rembrandt wurde wie für Bruder Hans das Alter eine zweite Jugend. Noch einmal etwas ganz Neues wagen, das Abenteuer suchen, eine neue Welt entdecken. Mein Bruder hatte - wie Rembrandt  zum Ende seines Lebens - vor einigen Jahren alles Materielle verloren. Geld und Frau weg, dafür die Gläubiger am Hals. Und die Gewissheit, auf dieser Ebene nicht mehr dagegenhalten zu können. Der Traum vom Glück ausgeträumt. Aber von welchem Glück eigentlich? Liegt das Glück nicht viel mehr darin, etwas ganz Eigenes zu schaffen und damit in der Welt zu bleiben? Hans zeigte es mir: Rembrandt verzierte seine Bilder tatsächlich mit dem Spachtel, kratzte mit dem Pinselstiel über die Leinwand. Die Idee der Sprezzatura kam aus Italien. Heute würde man sagen, es war Mode geworden, bei aller künstlerischer Ernsthaftigkeit vor allem cool zu erscheinen.

Der alte Rembrandt wusste um die Flüchtigkeit unserer Wahrnehmung. Gerade das Grobe und Angedeutete sorgt dafür, dass wir mehr sehen können, als tatsächlich abgebildet ist. Aus der Entfernung verschmilzt das Hingetupfte zu dem, was wir sehen wollen. Was wir verstehen können. Das Bild entsteht erst im Kopf des Betrachters. Da wo all die Tupferei und Spachtelei letztlich zu einer Wahrnehmung zusammenfließt. Und weil Rembrandt allen Betrachtern diesen Weg offenlässt, hat er nicht nur seine Zeitgenossen beeindruckt, sondern verzaubert auch jeden von uns, der sich auf dieses Spiel einlässt. Ich erlebte, wie der späte Rembrandt auf den späten Hans wirkte. Und ich bin sehr gespannt, was der späte Hans daraus macht.

Torsten Stahlberg im Mai 2015

 


Ostsee und Mecklenburger Seenplatte


Insel Nyord, Dänemark 2014


Erfurt, 2013


Schweden / Norwegen 2013


Insel Langeland, Dänemark 2012


Järpen, Schweden 2011


Dalsland, Schweden 2007


Tczew, Polen 2006


Holland 2004